Plädoyer für den Hund

Ein Plädoyer für den Hund

Die Chancen und Grenzen von Hunden in Therapie und Coaching

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Einsatz von Hunden in therapeutischen und beratenden Settings von einer Randerscheinung zu einem anerkannten, interdisziplinären Ansatz entwickelt. Ob in Kliniken, ambulanten Praxen oder Coaching‑Prozessen: Hunde werden zunehmend als wertvolle ergänzende Ressource wahrgenommen. Doch was lässt sich fachlich über diesen Einsatz sagen – sowohl was die Vorteile als auch die Herausforderungen betrifft? Was sind die Herausforderungen bei wissenschaftlichen Studien? Und ist es immer in Ordnung den Hund für seine Zwecke zu instrumentalisieren?


Warum Hunde in Therapie und Coaching wertvoll sein können

Verbesserung des therapeutischen Kontakts und der Motivation

Ein zentrales Argument für den Einsatz von Hunden in therapeutischen Settings ist ihre Fähigkeit, die Beziehungsqualität zwischen Klient:innen und Therapeut:in zu fördern. Studien gehen davon aus, dass Hunde die Motivation zur Therapie erhöhen und helfen, eine positive therapeutische Allianz zu formen, gerade bei Kindern und Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, offen über innere Themen zu sprechen.

Dies entspricht auch der klassischen Entdeckung von Boris M. Levinson: Seine Hündin half zurückgezogenen, nichtsprechenden Kindern, Kontakte zu knüpfen – ein Kernprinzip moderner „Human–Animal‑Bond“‑Forschung.

Stress‑ und Angstreduktion auf biologischer Ebene

Der Kontakt zu Hunden ist mit messbaren physiologischen Effekten verbunden, die Stress reduzieren können: Niedrigere Herzfrequenz, Senkung des Blutdrucks, Ausschüttung von Bindungshormonen wie Oxytocin und Abfall von Stresshormonen sind Effekte, die sowohl bei kurzen Interaktionen als auch im Rahmen von tiergestützten Interventionen beobachtet wurden.

Solche Effekte können unmittelbar im therapeutischen Prozess wirken, indem sie Menschen helfen, sich zu entspannen, präsent zu bleiben und schwierige Emotionen körperlich etwas abzufedern.

Förderung sozialer Interaktion und emotionaler Öffnung

Hunde fungieren als soziale Katalysatoren: Ihre Anwesenheit kann nonverbale Kommunikation erleichtern, Ängste vor Nähe reduzieren und als Brücke dienen, um sich überhaupt erst auf therapeutische Prozesse einzulassen. Dies zeigt sich besonders bei Klient:innen, die in frühen Therapiephasen noch stark verschlossen sind oder Trauma‑assoziierte Hemmungen haben.

Ergänzende Effekte im Coaching‑Kontext

Auch im Coaching können Hunde eine Rolle spielen – etwa indem sie Reflexionsprozesse anregen und unbewusste Verhaltensmuster erkennbar machen. Die Fähigkeit eines Hundes, nonverbal zu „lesen“ und auf feinste soziale, körpersprachliche Signale zu reagieren, kann Klient:innen spiegeln, wie sie in sozialen Interaktionen wirken.


Nicht alles ist nur „rosarot“ – Herausforderungen und Stolpersteine

Trotz dieser positiven Befunde gibt es wichtige Grenzen und Risiken, die sowohl Praktiker:innen als auch Auftraggeber:innen kennen müssen. Ein valides Studiendesign mit Hunden ist besonders schwierig, weil individuelle Unterschiede zwischen Mensch-Hund-Teams, Beziehungsqualität, Kontextfaktoren und ethische Grenzen standardisierte Bedingungen und kontrollierte Vergleichsgruppen nur eingeschränkt zulassen.

Fixierung auf das Tier kann Themen überdecken

Ein häufiges Problem ist, dass die Anwesenheit des Hundes selbst zum Fokus wird, anstatt therapeutische Themen zu vertiefen. Klient:innen können so „auf das Tier“ statt „auf den Prozess“ reagieren. Dies kann kurzfristig entlastend sein, langfristig aber echte Entwicklungsarbeit verzögern oder überdecken.

Tierwohl und ethische Verantwortung

Forschung zeigt, dass auch das Wohl des Hundes ernst genommen werden muss: Belastung durch häufige, lange oder ungeeignete Einsätze kann Stress bei den Tieren erzeugen und damit die Qualität der Intervention mindern. Das Tierwohl als gleichwertiger Prozessbaustein ist unverhandelbar und auch als Bissprävention zu verstehen.

Logistische und gesundheitliche Aspekte

Allergien, Ängste vor Hunden, kulturelle Abneigung und Hygieneanforderungen sind weitere Barrieren, die in manchen Settings den Einsatz von Hunden schwierig oder gar ungeeignet machen.

Ausschlusskriterium

Eine akute oder latente Eigen- oder Fremdgefährdung schließt den Einsatz eines Tieres in der Therapie aus.

Professionelle Integration ist entscheidend

Ein Hund darf niemals die Führung des therapeutischen Prozesses übernehmen – der menschliche Therapeut oder Coach bleibt verantwortlich. Der Hund kann unterstützen, aber nicht ersetzen. Kurz: Der Hund ist kein Therapeut!


Fazit

Hunde können in Therapie und Coaching eine bereichernde Ressource sein – insbesondere wenn der Fokus auf Beziehung, Vertrauen und emotionaler Sicherheit liegt. Die positiven Effekte auf Motivation, Stressreduktion und soziale Öffnung sind durch wissenschaftliche Arbeiten belegt, doch es braucht kritische Implementierung, methodische Sorgfalt und klare ethische Leitlinien, damit diese Potenziale tatsächlich realisiert werden.

Ein Plädoyer also für den Hund – nicht als Wundertherapie, sondern als überlegt eingesetzter Begleiter im Dienst menschlicher Entwicklung. Dosiert eingesetzt und rücksichtsvoll herangeführt kann der Hund eine große Bereicherung für die Praxis darstellen.


Quellen: 

  • https://www.paediatricum.net/tiergestuetzte%20therapie,%20grundlagen%20der%20therapie.htm
  • https://habri.org
  • Beetz, Riedel, Wohlfarth, (2021): Tiergestützte Interventionen, 2. Aufl., München, Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag