Schließen sich systemische Ansätze und tiefenpsychologische Therapien in der Mensch-Hund-Beziehung aus?

Herausforderungen in der Tiergestützen Arbeit mit unterschiedlichen Therapie- und Beratungsansätzen

Die Arbeit mit Mensch-Hund-Teams bewegt sich häufig im Spannungsfeld unterschiedlicher psychologischer Denkmodelle. Heute beschäftige ich mich mit der Frage, ob sich systemische Ansätze und tiefenpsychologische Therapien gegenseitig ausschließen – oder ob sie sich sinnvoll ergänzen können.

Diese Frage ist berechtigt. Denn beide Schulen unterscheiden sich deutlich in Haltung, Methodik und Zielsetzung. Gleichzeitig begegnen wir in der Mensch-Hund-Beziehung immer wieder Phänomenen, die weder rein systemisch noch rein intrapsychisch erklärbar sind. Dieser Artikel möchte die beiden Perspektiven einordnen, ihre Unterschiede aufzeigen und beschreiben, wie tiefenpsychologische Erkenntnisse verantwortungsvoll in systemische Arbeit integriert werden können – ohne therapeutische Grenzen zu überschreiten.

Die tiefenpsychologische Perspektive: Innere Dynamiken verstehen

Tiefenpsychologische Therapien richten ihren Blick nach innen. Sie gehen davon aus, dass aktuelles Erleben und Verhalten maßgeblich durch unbewusste Prozesse, frühere Beziehungserfahrungen und intrapsychische Konflikte geprägt sind.

Im Kontext der Mensch-Hund-Beziehung kann dies zum Beispiel bedeuten:

  • Der Hund aktiviert alte Bindungserfahrungen seines Menschen.
  • Verlustangst, Kontrollbedürfnis oder Überfürsorglichkeit spiegeln frühere Beziehungsmuster.
  • Emotionale Reaktionen auf das Verhalten des Hundes sind oft stärker als die Situation selbst rechtfertigen würde.

Tiefenpsychologische Arbeit fragt daher:

Was wird hier innerlich berührt? Welche alten Muster melden sich zu Wort?

Diese Arbeit ist hoch wirksam, aber auch sensibel. Sie setzt eine fundierte Ausbildung, therapeutische Erfahrung und einen geschützten Rahmen voraus. Tiefenpsychologische Gespräche gehören daher in die Hände von Fachpersonal – nicht an den Küchentisch, nicht in Trainingsgruppen und nicht in gut gemeinte Alltagsgespräche.

Die systemische Perspektive: Beziehungen in Bewegung betrachten

Systemische Ansätze verfolgen einen anderen Fokus. Sie interessieren sich weniger für die innere Vergangenheit einzelner Personen, sondern für aktuelle Wechselwirkungen, Rollen, Kommunikationsmuster und Beziehungskontexte im Hier und Jetzt.

In der Mensch-Hund-Arbeit fragt der systemische Blick zum Beispiel:

  • Welche Funktion übernimmt der Hund im Familiensystem?
  • Wie reagieren Mensch und Hund wechselseitig auf Stress, Unsicherheit oder Erwartungen?
  • Welche Muster stabilisieren sich – und wem nützen sie?

Der systemische Ansatz arbeitet überwiegend ressourcen- und lösungsorientiert. Er geht davon aus, dass Veränderung möglich ist, ohne Ursachen im Detail aufarbeiten zu müssen. Stattdessen steht im Vordergrund:

Was hält das Muster aufrecht – und was könnte es verändern? Was wäre, wenn das Problem gelöst wäre?

Diese Haltung macht systemische Arbeit besonders anschlussfähig für Beratung, Training und pädagogische Kontexte.

Gegensätze oder unterschiedliche Ebenen?

Auf den ersten Blick wirken beide Schulen gegensätzlich:

  • Tiefenpsychologie: vergangenheitsorientiert, intrapsychisch, deutungsintensiv
  • Systemik: gegenwartsorientiert, beziehungsbezogen, hypothesenoffen

Doch bei genauerem Hinsehen bearbeiten sie unterschiedliche Ebenen desselben Geschehens.

Die Tiefenpsychologie erklärt, warum bestimmte emotionale Reaktionen entstehen.
Die Systemik zeigt, wie diese Reaktionen im aktuellen Beziehungsgeschehen wirksam werden.

In der Mensch-Hund-Beziehung heißt das:

  • Tiefenpsychologische Prozesse liefern das emotionale Rohmaterial.
  • Systemische Muster bestimmen, wie dieses Material im Alltag sichtbar wird.

Die Ansätze schließen sich also nicht aus – sie dürfen nur nicht vermischt werden. Und wir als Coach, Trainer oder Therapeut (:innen) müssen für uns selbst prüfen, in welchen Prozessen wir Verantwortung übernehmen können.

Die zentrale Grenze: Keine Therapie durch die Hintertür

Wir dürfen nicht den Fehler machen und tiefenpsychologische Deutungen implizit oder unreflektiert in Beratung oder Training einbauen.

Sätze wie:

  • „Dein Hund ersetzt da jemanden.“
  • „Das hat sicher mit Deiner Kindheit zu tun.“
  • „Dein Hund trägt Deine alten Verletzungen.“

klingen zunächst klärend, können aber hochproblematisch sein. Sie öffnen innere Prozesse, ohne den nötigen therapeutischen Rahmen zu bieten.

Deshalb gilt klar:

Tiefenpsychologische Inhalte dürfen im Allgemeinen erklärt, aber nicht therapeutisch bearbeitet werden – außer durch qualifiziertes Fachpersonal.

Systemische Arbeit bleibt handlungs- und beziehungsorientiert. Sie lädt zur Reflexion ein, nicht zur Analyse der Psyche.

Der Loop: Wie tiefenpsychologische Erkenntnisse systemisch wirksam werden

Trotz dieser klaren Grenze können tiefenpsychologische Erkenntnisse indirekt und verantwortungsvoll in systemische Arbeit einfließen. Genau hier entsteht der sogenannte Loop.

Der Loop funktioniert in drei Schritten:

1. Verstehen statt Deuten

Tiefenpsychologische Konzepte (z. B. Bindung, Übertragung, Affektregulation) dienen dem inneren Verständnis der Fachperson – nicht der direkten Interpretation gegenüber dem Menschen.

2. Übersetzen in Beziehungsmuster

Dieses Verständnis wird in systemische Fragen übersetzt, etwa:

  • „Was passiert zwischen Dir und Deinem Hund in stressigen Momenten?“
  • „Welche Rolle übernimmt Dein Hund, wenn Du Dich unsicher fühlst?“

Der Fokus bleibt im Hier und Jetzt.

3. Handlungsräume öffnen

Statt innere Ursachen zu bearbeiten, werden neue Erfahrungen ermöglicht:

  • mehr Klarheit in der Führung
  • bewusste Selbstregulation
  • verlässliche, vorhersehbare Interaktionen

So entstehen auch im Übungskontext neue Beziehungserfahrungen, die langfristig auch intrapsychisch wirken können – ohne eine Therapie zu ersetzen.

Fazit

Systemische Ansätze und tiefenpsychologische Therapien schließen sich in der Mensch-Hund-Beziehung nicht aus. Sie gehören jedoch auf unterschiedliche Ebenen und in unterschiedliche Kontexte und somit in die Hände von ausgebildeten Menschen.

  • Tiefenpsychologie erklärt innere Dynamiken und gehört in therapeutische Hände.
  • Systemik gestaltet Beziehung im Alltag und ist anschlussfähig für Training und Beratung.

Wenn tiefenpsychologisches Wissen nicht diagnostisch, sondern übersetzend genutzt wird, entsteht ein verantwortungsvoller Loop: Inneres Verstehen ermöglicht äußere Veränderung – ohne therapeutische Grenzen zu überschreiten.

Genau darin liegt unsere professionelle Haltung in der Arbeit mit Mensch-Hund-Teams: achtsam, klar und fachlich sauber getrennt – und dennoch miteinander verbunden.

Quellen:

  • Willemse, von Ameln, (2015), Theorie und Praxis des systemischen Ansatzes, 1. Auflage, Berlin, Springer-Verlag GmbH
  • Darga, Dapper, (2022), Tierisch systemisch, 1. Auflage, München, Ernst Reinhardt GmbH & Co KG Verlag
  • Wöller, Kruse, (2021), Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, 5. Auflage, Stuttgart, J.G. Cotta´sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
  • Rudolf, ((2022), Psychodynamisch denken – tiefenpsychologisch handeln, 4. Auflage, Stuttgart, J.G. Cotta´sche Buchhandlung Nachfolger GmbH